Der Schbini-Kini im Auge seines Schöpfers

von Bernhard Huber

Ich bin in Niederbayern geboren und habe dort am 18. Januar 1974 mit einem Gedicht in der Standardsprache meinen ersten dichterischen Gehversuch unternommen. Obwohl ich das Schriftdeutsche (manche nennen es noch immer „Hochdeutsch“) bis heute als künstlerisches Ausdrucksmittel bevorzuge, so bekenne ich ebenso bis heute, dass ich ohne den bayerischen Dialekt nicht das schreiben würde, was ich so zusammenschreibe. Ich verdanke dem Dialekt, in dem ich meine Muttersprache erkenne, mein Gefühl für die Schönheit der Sprache.

Vergleichsweise spät, aber immerhin, habe ich begonnen, auch im Dialekt zu schreiben. Dazu habe ich einen in Bayern gut bekannten Protagonisten, den Kini erfunden, was natürlich bedeutet, dass dieser, mein Kini als Niederbayer wie ich mit allen bisher bekannten Kinis nichts gemein hat außer mit den bayerischen das Bayerische. Vor allem aber: Er ist ein reiner Reim-Kini, und als solcher einzigartig und unverwechselbar.

Ihn und nur ihn habe ich in bisher über 1.000 vierzeilige und -hebige sowie paargereimte Strophen gegossen, denen obligatorisch ein Kehrvers folgt. Die Form ist striktest einzuhalten. Was immer ich noch vom Kini dichten sollte, es ist kein Kini-Verserl, wenn es diese Form missachtet.

Das hat natürlich seinen Grund. Die japanischen Haikus haben mir die Bedeutung der Form eines gedichteten Werkes so richtig klar gemacht, und in einem Falle hat es sogar dazu geführt, dass ich ein Wort erfunden habe, das gleichwohl so klingt, als wäre es seit uralter Zeit Teil unseres Stammeswortschatzes:

Beim Kini kimt s'Gmias oiwei frisch
vom Gartn eina aufn Disch,
und a seine Brinznbuam
meng säiwazongne Gäiweruam.

Ja schbini, sogd da Kini.

Jawohl, ich bilde mir ein, dass die Prinzenbuben meine Schöpfung sind und habe große Freude an ihnen. Ohne den Zwang zur Form, wäre ich wohl nie auf die Idee gekommen, sie dem Nichts zu entreißen.

Im Laufe der Zeit, in der mein Kini Verserl um Verserl zu beachtlicher Größe heranwuchs, hatte ich immer wieder Anlass zu diebischer Freude, weil ich in meiner Muttersprache eine subversive Qualität erkannte, die von ähnlicher Bedeutung ist wie die Philosophie, die zum Ausdruck kommt, wenn ein Bayer die berühmten Worte des Goetheschen Götz von Berlichingen ausstößt. Kann doch das Bayerische Wörter in Endreimen zusammenwachsen lassen, die im Standarddeutschen nicht zusammengehören. Das folgende Beispiel dazu enthält im übrigen ein weiteres Wort, das ich mir wohl als Erfindung in mein literarisches Kerbholz schnitzen darf:

 „Vadda, Vadda, Kinivadda!
Gäh mit mir ins Kaschpaltheater!“
„Es gibt koan Kaschpal fiar an Prinz!
I glaub, es junga Leit, es schbinz.“

Ja schbini, sogd da Kini.

Ähnliches lässt sich für das harmonische Bayerisch-Englisch-Verhältnis sagen, wie ich an gleich zwei (ich hätte sogar noch ein drittes) Verserln demonstrieren möchte, eine Harmonie übrigens, die in keinem geringeren als Anthony Rowley, Brite von Geburt und Träger des bayerischen Dialektpreises, ihren personifizierten Ausdruck findet:

  „Ich weiß, dass Du Geburtstag hast“,
schreibd d'Queen vom Buckingham Palast.
„Ich wünsche Dir, verehrter Kini,
happy birthday. Deine Queenie.“

Ja schbini, sogd da Kini.

„Weilst du milliardenweise spendst
und s'Gäid ois Wohltäter verschwendst,
sog i ois Kini dir, Bill Gates,
a ganz a herzlichs Gott vagäit's.“

Ja schbini, sogd da Kini.

Erst recht gilt dies für bayerische Wörter, die mir schon so oft ein Reimerlebnis der entzückenden Art beschert haben:

 Sogd d'Kuni: „Nix do, meinem Schwein
wead neamad ned an Hois obschnein.
Geh weg do, Metzga, mit deim Hagge!
De Sau do kenn i scho ois Fagge!“

Ja schbini, sogd da Kini.

(Dieser Vers steht im Zusammenhang mit den Vorbereitungen auf ein Fest, und Kuni ist keine geringere als Power-Frau Kini.)

Was nun die Inhalte anlangt, so folgen die Verse, die unter dem Titel „Sogd da Kini“ zusammengefasst sind, keinem speziellen Konzept. Was immer sich der formalen Vorgabe gemäß dichterisch fixieren lässt und mein schriftstellerisches Gemüt inspiriert, hat allergrößte Chancen auf Aufnahme in den Kini-Reigen:

 Da Kini schbuid mi'm Diener Schach.
Da Diener sogd: „Das i ned lach!
Schaun S', Majestät, jetz setz i glatt
beim Schach mein' eigna Kini matt.“

Ja schbini, sogd da Kini.

Wollte man die Versal kategorisieren, ergäbe sich, Stand heute und freilich ohne Anspruch auf Vollständigkeit, folgende Liste:

  • Der Kini und seine Familie
  • Der Kini und sein Schloßgeist Kuno
  • Der Kini und Geistesgrößen
  • Der Kini und seine Ritterband „The Kinis“
  • Der Kini und sein Volk
  • Der Kini auf Reisen

Ja, auf Reisen ist er auch, aber (bis jetzt) immer nur hoch zu Ross, wenngleich er natürlich als überzeitliches Wesen durchaus auch das automobile Fortkommen kennt.

Natürlich ließe sich die Liste fortführen. Aber das ist nicht meine Aufgabe als Dichter, das wäre die Aufgabe dessen, der einmal den verwegenen Versuch einer Ausgabe des gesamten Kini-Kanons wagen würde. Bis es soweit ist oder auch nicht, stelle ich an Sonn- und Feiertagen jeweils einen Vers unter www.emsemsem.wordpress.de ins Internet (Kategorie „Kini“). Unter den Followern weiß ich welche, die speziell dem Kini mit seinem bayerischen Reiz ihre Aufmerksamkeit widmen.

Mit einem Beispiel aus der Abteilung „Der Kini und Geistesgrößen“ möchte ich schließen und damit einem Inspirationshöhepunkt meines Schaffens die Reverenz erweisen:

 Da Kini sogd: „Du, Wrdlbrmpfd,
bist moan i gestern schwaar vasumpfd.“
„Stimmt, Kini“, sogd der, „i gibs zua.
Dafia hob i heit aa no gnua.“

Ja schbini, sogd da Kini.

Es ist natürlich kein Zufall, dass ich damit dem Herrn Wrdlbrmpfd eine tragende Rolle in einem Kini-Versal zuweise, verdankt er seine Existenz doch dem erstaunlichen Genie Karl Valentins, der mich mit den Herren Hepperdepperneppi und Rembremerdeng zu dem Namen „Emsemsem“ inspiriert hat, den ich für meinen Blog verwende. Außerdem ist Emsemsem eine Figur in der Geschichte „Globulon nimmt Kurs auf Schröder XIII“, die ich unter dem Namen Carla Cimtinger exklusiv für „Futter“, der „Zeitschrift für Nimmersatte“ verfasst habe. Aber das ist eine andere Geschichte, über die man unter https://emsemsem.wordpress.com/carla-cimtinger-ihr-leben-und-werk-in-vollen-auszugen/ mehr erfährt.

Nachtrag: Wenn ich meine Kini-Versal als „Königlich-Bayerische Reimungen“ bezeichne, darf man das durchaus als Verbeugung vor dem gleichnamigen Amtsgericht verstehen, und mag sich der Dialektkundler noch so sehr daran stören, dass es nicht „bairisch“ heißt. So viel Tradition muss sein.

„Nochn“ (Heinz Erhardt) Nachtrag: Vor ein paar Wochen bin ich mit amerikanischen Touristen ins Gespräch gekommen. Es waren ein Mann und zwei Frauen. Die Frage, ob ich englisch spräche, beantwortete ich mit einem zurückhaltenden Ja und ergänzte, meine eigentliche „mother language“ sei „the bavarian slang“. Und schon begann ich ihnen zu erzählen, dass sich beide Sprachen mit ihrem Schwung und ihrem Schmelz („smooth“) ähnelten. Es versteht sich von selbst, dass ich diese These mit einem Beispiel untermauerte, in dem außerdem der Bezug zu ihrer amerikanischen Heimat offenkundig ist:

 „Weilst du milliardenweise spendst
und s'Gäid ois Wohltäter verschwendst,
sog i ois Kini dir, Bill Gates,
a ganz a herzlichs Gott vagäits.“

Ja schbini, sogd da Kini.

Die drei ließen mir keine Gelegenheit, ihnen den Sinn dieser für sie unverständlichen Worte zu erklären. Wie aus einem Munde sagten sie nämlich nur: „It sounds great.“ Und ich wusste: Amerika versteht mich. Und wenn mich Amerika versteht, ist es bald die ganze Welt.